Rückblick: Besuch der Alten Pinakothek München (Dezember 2022)

19.12.2022

Gruppenbesuch in der Alten Pinakothek

(Copyright: Huiting Quiang, 2022)

Auch in diesem Jahr gab der Kunsthistoriker Dr. Wolfgang Urbanczik eine Führung für unseren Verein. Dieses Mal ging es gemeinsam in die Alte Pinakothek, die vom Architekten Leo von Klenze gestaltet und 1836 eröffnet wurde. Ihr liegt als Basis eine „Bildersammlung“ (= Übersetzung des Begriffs „Pinakothek“) zugrunde, die von den Wittelsbachern begründet und unter dem Kunstkönig Ludwig I. enorm ausgebaut wurde. Aus heutiger Sicht atmet diese Museumsidee einen sehr demokratischen Geist: Ein Museum für Alle! Nach griechischem Vorbild sollte um das Herzstück des Königsplatzes herum die Stadt München zur Kulturstadt „Isar-Athen“ erwachsen. Dafür wurde bereits die Neue Pinakothek gebaut, noch ehe die Alte Pinakothek fertig gestellt war. Dies unterstreicht die soziale Bedeutung von Kunst und Kultur und repräsentiert gelebte Geschichte im Heute.

Diese Eckpunkte sind auch die Grundlage für unser heutiges Kunstareal mit der Pinakothek der Moderne und weiteren Kunstorten und Galerien. Sehenswert sind die Hochschule für Film und Fernsehen und das Ägyptische Museum. Beide Institutionen befinden sich in einem Gebäude, das der Architekt Peter Böhm der Alten Pinakothek gegenübergestellt hat, gewissermaßen als zeitgenössisches Architekturpendant.

Das im Zweiten Weltkrieg teilweise zerstörte Gebäude der Alten Pinakothek wurde in den 1950er Jahren von dem Architekten Hans Döllgast so wiederaufgebaut, dass man seine gesamte Geschichte noch heute nachvollziehen kann. So entdecken wir zum Beispiel noch fragmentarische Teile der ursprünglichen Wandbemalung von Peter Cornelius, einst konzipiert als „Warm-Up“ für die Bildersammlung, nachdem wir die imposante, 1957 gebaute Museumstreppe hinaufgelaufen sind.

In der Sammlung angekommen betrachten wir zum (weihnachtlichen) Einstieg den „Columba-Altar“ von Rogier van der Weyden (1399-1464), entstanden um 1455. Auf der mittleren Tafel des dreiteiligen Bildes erkennen wir die Heiligen Drei Könige, stellvertretend für drei Lebensalter. Ihre Figurendarstellung zeigt eine Bewegung, die zum Jesuskind in der Krippe von Bethlehem führt. Blickt man von der Krippe nach oben, so sieht man bereits Jesus am Kreuz. Der Kunsthistoriker Erwin Panofsky spricht hier von „disguised symbolism“: Anfang und Ende werden zugleich angezeigt. Dadurch wird das Heilsversprechen durch Christus umso eindringlicher wahrgenommen. Typisch für seine Zeit bettete der Maler die gesamte Szenerie in eine niederländische Landschaft, um eine Brücke ins „Hier und Jetzt“ der Zeitgenossen zu schlagen.

„333, bei Issus Keilerei“! An der Museumswand gegenüber gehen wir nun genauer auf die „Alexanderschlacht (Schlacht bei Issus)“ (1529) von Albrecht Altdorfer (1482-1538) ein. Der Maler ist ein führender Vertreter der Donauschule und gilt als ein herausragender Landschaftsmaler. Eine beeindruckende Landschaft umschließt auch den siegreichen Kampf Alexanders des Großen gegen den letzten Perserkönig Darius: Altdorfer zeigt uns den gesamten Mittelmeerraum mitsamt dem Nildelta und bettet das Weltgeschehen in eine Weltlandschaft. Den kosmologischen Rahmen bilden Sonne und Mond: Die Sonne sehen wir rechts, den Mond am linken oberen Rand. Über allem schwebt schließlich eine „Infotafel“, die – wie ein Pfeil – auf das Zentrum der Schlacht und Alexander den Großen verweist. So ist es wenig überraschend, dass der Auftraggeber des Bildes, der bayerische Herzog Wilhelm IV., mit der „Alexanderschlacht“ den Grundstein für die Entwicklung Münchens zu einer geschichtsbewussten Kunststadt legen konnte. Zusammen mit weiteren Gemälden des sogenannten Historienzyklus war Altdorfers Bild damals in einem eigenen Gebäude auf dem Areal des Münchner Hofgartens ausgestellt. Die Stadt München pflegt ihr Image.

Weiter geht es in unserem Rundgang mit Albrecht Dürer (1471-1528) und seinem „Selbstbildnis im Pelzrock“ (1500). Eine Anekdote zu diesem Bild besagt, dass es so naturalistisch und real gewirkt haben muss, dass sogar Dürers Hund es abgeschleckt hat. Er hat es für Dürer selbst gehalten… Jedenfalls zeigt sich Dürer hier in seinem vollen Selbstbewusstsein als Künstler „…mit unvergänglichen Farben im Alter von 28 Jahren gemalt…“, wie uns die Zeilen neben seinem Antlitz wissen lassen. Typisch für Selbstporträts im Allgemeinen liegt der Fokus des Bildes auf Fragen der (Selbst-)Reflexion und Kommunikation. Schlüpft Dürer nur in eine Rolle oder will er sich wirklich christusgleich als Schöpfer mit dem Anspruch auf Unsterblichkeit selbst keck ins rechte Licht rücken?

Der „Raub der Töchter des Leukippos“ von Peter Paul Rubens (1577-1640), entstanden um 1618, bildet neben vielen anderen Bildern, die wir uns ansehen, einen weiteren Höhepunkt unseres Museumsbesuchs. Gezeigt sind zwei Frauen, die vor ihrer Hochzeit von den Dioskuren Castor und Pollux geraubt werden. Am Ende werden der sterbliche Castor und der unsterbliche Pollux zu Sternenbildern. Das Diesseits der Fleischeslust findet sein Pendant im Jenseits am Firmament.

Somit wünsche ich Euch eine genussvolle weihnachtliche Zeit und viel Freude beim Blick nach Oben!

Autor: Robert Weissenbacher, München, den 15.12.2022

Weitere Bilder aus der Museumsführung

Albrecht Dürer (1471-1528): Bildnistriptychon des Oswolt Krel, linker Flügel: „Wilder Mann“ mit dem Wappen des Oswolt Krel, 1499

Linker Flügel

Mittelteil

Rechter Flügel

Albrecht Dürer (1471-1528): Paumgartner-Altar, um 1500

Linker Flügel

Mittelteil

Rechter Flügel

Meister des Bartholomäusaltars (1475-1510): Bartholomäusaltar um 1500/1505

Linker Flügel

Mittelteil

Rechter Flügel

Stefan Lochner (1410-1451): Flügel des Weltgerichtsaltares: Hl. Katharina, Hubertus und Quirinius von Neuss mit Stifter, bald nach 1435

Stefan Lochner (1410-1451): Maria mit dem Jesuskind vor der Rasenbank, um 1440

Meister der Münchner Hl. Veronika (1400-1425): Hl. Veronika mit dem Schweißtuch Christi, um 1425

Hans Memling (1435-1494): Johannes der Täufer (Rückseite: Totenkopf), 1470er/80er Jahre

Hans Memling (1435-1494): Tafel eines Diptychons: Der hl. Georg mit Stifter (Außenseite abgetrennt; siehe Inv.-Nr. 1401), um 1480/90

Stefan Lochner (1410-1451): Anbetung des Kindes (Rückseite: Kreuzigung Christi), 1445

Leonardo da Vinci (1452-1519): Madonna mit der Nelke, um 1475

Giotto di Bondone (1270-1337): Letztes Abendmahl, ca. 1303/06 vor 1312/13

Giotto di Bondone (1270-1337): Kreuzigung Christi, ca. 1303/06 vor 1312/13

Giotto di Bondone (1270-1337): Christus in der Vorhölle, ca. 1303/06 vor 1312/13

Antonello da Messina (1430-1479): Maria der Verkündigung, um 1473/74

Fra Carnevale (Bartolomeo di Giovanni Corradini) (1420-1484): Verkündigung Mariae, um 1445

Jacopo de‘ Barbari (1460-1516): Totes Rebhuhn mit Eisenhandschuhen und Armbrustbolzen, 1504

Jacopo Tintoretto (Jacopo Robusti) (1519-1594): Vulkan überrascht Venus und Mars, um 1555

Peter Paul Rubens (1577-1640): Das Große Jüngste Gericht, um 1617

Rembrandt (Harmensz. van Rijn) (und Werkstatt) (1606-1669): Die Opferung Isaaks, 1636

Guido Reni (1575-1642): Apoll schindet Marsyas, um 1633

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